03
Oktober
2013

Einen Versuch ist es wert

Frisch aus meinem wunderschönen und sehr erholsamen Türkeiurlaub zurück, möchte ich Euch von einer ganz besonderen Katze erzählen, die mir dort in Alanya begegnet ist.

Zunächst mal, in der Türkei gibt es leider immer noch sehr viele Straßenkatzen. Allein vor unser Haus kamen jeden Tag etwa 15 Katzen, die ich täglich füttern durfte. Meine süße Raubtierschar begrüßte mich immer sehr freudig und erwartungsvoll. Sie teilten sich in zwei "Schichten" auf. Morgens waren andere Katzen da als abends, aber es waren zur selben Tageszeit immer die selben Katzen da. Heutzutage geht es den Tieren in der Türkei deutlich besser, als noch vor ein paar Jahren. Tierschutz steckt dort zwar noch in den Kinderschuhen, aber es gibt inzwischen viele Türken, die sich für die Rechte der Tiere offensiv stark machen. Als letztes Jahr von der Regierung ein Gesetz herausgebracht werden sollte, welches die herrenlosen Hunde und Katzen von den Straßen tilgen und in die trockene Steppe verbannen und somit in den sicheren Tod schicken sollte, gingen viele Tausend Menschen in allen großen Städten auf die Straßen und protestierten. Es gab bewegende Bilder im Internet. Diese beeindruckenden Menschenmassen waren ein klares Signal und es zeigte Erfolg, diese grausamen Pläne sind -vorerst- vom Tisch. Derartig vulominöse Demonstrationen kommen in Deutschland leider nicht zustande, schon gar nicht für Tiere.

Trotzdem gibt es einfach sehr viele Katzen und nicht für alle diese Streuner ist genug Nahrung da. Schwache und kranke Tiere, sowie elternlose Babys müssen zurückstecken und werden dadurch immer noch schwächer. Ein Teufelskreis! "Natürliche Auslese" und trotzdem einfach grausam und traurig.

Nun zurück zu meiner Geschichte. Eine dieser vielen Samtpfötchen, um die ich mich tagtäglich kümmerte, sah ganz furchtbar schlecht aus: Sie war klapperdürr, regelrecht ein lebendes Skelett, das Fell war durch und durch dreckig und klebrig, fiel auch aus, sie hatte mehrere kahle Stellen mit trockener schuppiger Haut. Dazu kam eine offene Stelle am Mund aus der Speichel floß und zu allem Überfluß auch noch ein Schnupfen, mit dunkelgrünem Nasenausfluss, der sich bereits zu einem großen harten Klumpen formiert hatte. Das Leben war sichtlich aus ihren Augen gewichen, sie wirkten tot und leer. Man sah ihr an, dass sie sich selbst bereits aufgegeben hatte. Wenn ich Essen für alle verteilte war sie zwar immer anwesend, aber sie aß nicht, auch dann nicht, wenn ich es direkt vor ihrer Nase platzierte.

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Ich bekam großes Mitleid und beugte mich zu ihr runter, streichelte sie, wollte ihr Trost und Beistand schenken. Dann geschah es. Sie schien offensichtlich schon sehr sehr lange nicht mehr gestreichelt worden zu sein, denn sie saugte dieses kleine bischen Zuneigung auf wie ein Schwamm. Sie warf sich sofort auf die Seite, streckte sich mir entgegen. Sie führte ihren Kopf in meine Hand und sah mich an. Dann war es um mich geschehen, ich hatte mich in sie verliebt. Dieses geschwächte Tier verzerrte sich regelrecht nach Zuneigung und Aufmerksamkeit. Ich wollte ihr unbedingt wieder auf die Beine helfen.


 

P1020029Aber was sollte ich tun? Ich wusste, in zwei Wochen musste ich wieder abreisen und so wie sie aussah, konnte ich mir nicht vorstellen, dass die paar Tage Pflege etwas nützen könnten. Dann entschloss ich mich, sie zum Tierarzt zu bringen. Mein Freund wollte mir das erst ausreden. Er meinte, so wie die Katze aussähe, war ihr wohl nicht mehr zu helfen und schon gar nicht mit einem einzigen Arztbesuch und ein paar Tagen zufüttern bis wir heimfliegen. Er meinte ausserdem, es gäbe so viele kranke Straßenkatzen, wo solle man da anfangen? Auch riet er mir, mich emotional nicht zu sehr auf sie einlassen, sie würde sicher eh in Kürze sterben und wir müssten auch bald heimfliegen, sie zurücklassen. Ich täte mir da nur selber weh. Da hatte er zwar schon recht irgendwo und klar, es gibt unzählige Straßenkatzen, alle kann man wirklich nicht retten. Trotzdem konnte ich mir nicht vorstellen, sie im Stich zu lassen und weiterhin meinen Urlaub zu genießen und so bestand ich darauf, es wenigstens zu versuchen.

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Wir erkundigten uns nach einem guten Tierarzt und bekamen einen wärmstens empfohlen, doch er war etwas entfernt in Avsallar. Wir mieteten ein Auto für den nächsten Tag, denn gleich früh am nächsten Morgen wollten wir sie fahren. Zwischenzeitlich unterhielten wir uns mit den Anwohnern und erfuhren, warum diese Katze so schrecklich schmutzig war. Ein herzloser Tierfeind hatte vor ein paar Monaten Motoröl über sie gekippt, das hatte sich dann tief in Fell und Haut gesaugt. Man hatte bereits dreimal versucht sie zu waschen, leider erfolglos, das Öl klebte zu hartnäckig in den verfransten Fellresten. Bei ihren eigenen Versuchen sich zu putzen und das Öl aufzuschlecken, muss sie sich auch vergiftet haben, daher ihr schlechter Allgemeinzustand.

Am nächsten Tag machten wir uns wie geplant auf den Weg. Ich setzte mich extra neben sie auf die Rückbank um sie zu beruhigen, denn wir gingen davon aus, dass dieses wilde Straßentier in Angst und Panik bei einer Autofahrt geraten würde, doch sie war überraschend ruhig und brav beim Transport. Während der gesamten halbstündigen Autofahrt gab sie nicht einen einzigen Ton von sich - kein Miau, kein Fauchen, kein Knurren, nichts! Sie schien zu spüren, dass wir ihr nur Gutes wollten und vertraute uns vollends.

Beim Arzt verhielt sie sich ebenfalls äußergewöhnlich brav. Tapfer ließ sie die Untersuchung und das Blutabnehmen über sich ergehen. Dann verkündete er uns die erfreuliche Nachricht, dass dieses liebe Tier trotz ihres katastrophalen Aussehens erstaunlich gute Blutwerte hatte und auch sonst keine bedrohlichen Krankheiten zu haben schien, also durchaus wieder aufgepäppelt werden konnte. Wir ließen sie entwurmen und entflohen.

Der Arzt erklärte uns dann folgendes über sie. Die arme Kleine hatte (vermutlich durch das Öl) entzündete Zähne und von den entzündeten Zähnen eine Fistel im Mund, das war die offene Stelle, aus der der Speichel floß. Sie fraß also nur so wenig, weil sie Schmerzen im Mund hatte. Wir erhielten ein Antibiotikum gegen den Schnupfen und die Entzündung der Zähne und der Fistel.

Von da an holten wir sie jeden Morgen zu uns in die Wohnung auf den Balkon, gaben ihr das Antibiotikum und Nahrung soviel sie wollte und sie aß. Ja sie aß! Jeden Tag ein Schüsselchen mehr. Sie entwickelte einen gesunden Appetit. Nach dem Essen hielt sie immer ein kleines Schläfchen im Schatten auf einem Kissen, forderte anschließend ihre Streicheleinheiten von uns ein, von denen sie fast nicht genug bekommen konnte und anschließend, wenn sie unruhig wurde, brachten wir sie wieder nach unten. Ich nannte sie "Manejdah". Sie blühte in den wenigen verbleibenden Tagen sichtbar auf, fing sogar gegen Ende an zu streunen, wartete nicht mehr auf uns, sondern kam nur dann vorbei, wenn sie Lust drauf hatte.

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Als wir abreisen mussten ging es ihr wirklich sichtlich besser, ein Unterschied wie Tag und Nacht. Aber es kommt noch besser - In weniger als zwei Wochen kommt eine Bekannte in die Türkei, die ein halbes Jahr in Side (ca. 1 Stunde entfernt) leben wird. Sie versprach uns extra für Manejdah nach Alanya zu fahren, die kleine Maus nach Side zu holen und dort 6 Monate intensiv gesund zu pflegen. Sobald Manejdah wieder einigermaßen fit ist, geht es auch nochmal zum Tierarzt und dann werden die Zähne gerichtet, die Fistel operiert, sie wird geimpft und kastriert, denn im derzeitigen Zustand war nichts davon möglich. Anschließend darf sie selbst entscheiden: zieht es sie eher raus zum Streunen, wird sie wieder in die Freiheit überlassen. Sollte sie sich aber vorrangig im Haus aufhalten und nach menschlichen Streicheleinheiten lechzen, dann darf sie sogar nach Deutschland und dort ein neues sorgenfreies Leben beginnen.

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Ich werde nie vergessen, wie sehr es mein Herz erwärmt hat, sie Tag für Tag aufblühen zu sehen und die grenzenlose Dankbarkeit in ihren Augen ablesen zu können. Es gibt kein schöneres erfüllenderes Gefühl, als solch einem hilflosen Wesen, solch einem Häufchen Elend neues Leben einzuhauchen, ihr Freude, Glück und eine Zukunft zu schenken und sie am Ende in Sicherheit zu wissen.

Für eine barmherzige Geste ist es niemals zu spät! Ob solch ein halbtot aussehendes Tier Überlebenschancen hat, kann wirklich nur ein Mediziner beurteilen. Man sollte niemals Mühen oder Kosten geizen, wenn man dafür Leben retten kann. Dass es tausenden anderen Katzen auf der Straße ebenfalls schlecht geht, ist auch kein Argumment, denn für diese eine hat es alles verändert. Für sie bedeutet es alles - ihr Leben.

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Categories: Erfahrungsberichte

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